Freund und Feind – die Angst

Heute wird es wieder mal ein bisschen soziologisch. Denn je mehr ich darüber nachdenke, wieso unsere recht globalisierte Welt immer mehr mit Vorurteilen, Wut, Gewalt und Ausschreitungen kämpft, lässt sich für mich zunehmend nur auf eine Wurzel zurückführen: ANGST.

Doch was haben Vorurteile, Diskriminierungen, Wut, Ablehnung, Konkurrenzkampf, Hinterhältigkeit und Verrat mit Angst zu tun?

Eine ganze Menge. Denn je schnelllebiger und umfassender die Welt für uns wird, desto mehr werden wir überfordert und suchen eingeschüchtert nach einem Pfad, dem wir folgen können. Früher war es nur das Dorf und die Gemeinde, an deren Bewohner wir uns orientieren mussten. Später waren es Städte, Länder, und inzwischen praktisch die ganze Welt. Es prasseln unaufhörlich Eindrücke auf uns ein. Wir haben unbegrenzte Möglichkeiten und sind völlig überfordert. Da ist es durchaus nachvollziehbar, dass wir nach Mustern und Wiederholungen suchen. Wir klammern uns an alles, was uns gewohnt vorkommt, und treffen manchmal einfach mal eine nicht so optimale Entscheidung, „weil wir das immer so gemacht haben“.

Und hier beginnt der Kreislauf des Bösen. Denn um Routinen beizubehalten, müssen wir uns welche schaffen. Sie zu erhalten scheint jedoch unmöglich, wenn man sich nicht mit Menschen umgibt, die uns darin unterstützen, weil sie es genauso sehen. Hier ist der erhoffte Halt der Gruppe. Nicht mehr alleine zu sein und sich behütet fühlen – ein primäres Bedürfnis. Warum? Alleine sind wir wehrlos – uns packt die Angst. Denn der Mensch an sich ist ein unvollkommenes, schutzbedürftiges Wesen. So ziemlich jedes Tier der irdischen Fauna ist ein Spezialist in irgendwas – der Mensch nur darin, Lösungen für seine Unvollkommenheit zu perfektionieren. Dieser Erfinder -und Herdentrieb macht uns in kleinen Grüppchen organisiert und stark. Doch je größer die Gruppe, desto strenger werden die Normen. Es liegt in der Natur der Dinge, dass eine große Menge an Menschen nicht identische Interessen und Bedürfnisse haben kann. Und hier muss man sich entscheiden, entweder mit der Masse mitzuschwimmen oder sich abzugrenzen. Abgrenzen bedeutet aber in der Regel auch schnell Ausgrenzen – und dann ist man wieder allein. Da wäre sie dann wieder – die Angst. Es ist einfacher und sicherer, mit der Masse mitzuschwimmen. Die Angst verringert sich.

Und aus dieser Angst vor Ablehnung und Ausgrenzung tun wir die unglaublichsten Abscheulichkeiten. Wir unterdrücken andere Gruppen, um uns in unserem eigenen Wir-Gefühl zu stärken. Wir schieben anderen die Schuld zu, um nicht selber Konsequenzen zu erleiden. Wir machen uns unantastbar, um eben nicht verwundbar zu sein. Was bleibt, ist ein gleichgültiges Volk. Es muss immer Sieger und Verlierer geben, denn durch Siege fühlen wir uns gestärkt. Gleichzeitig fördern wir aber auch ein System, in dem wir auch mal Verlierer sein könnten. Hier wiederum fängt einen die Gruppe auf, die einen absichert – mit Verlust der Individualität.

Wer bleibt hier auf der Strecke? ALLES, was nicht massentauglich und nahtlos integrierbar ist. Sobald du ungeplant einer Minderheit angehörst, passt du in keine große Gruppe mehr und musst den Platz des Verlierers einnehmen.

Egal, ob es Rassismus, Sexismus, oder irgendeine andere Form der Diskriminierung oder Attackierung geht – es geht immer darum, jemand anderem mehr Angst zu machen, als man selber hat – Sieger und Verlierer. Und auch nur wer sieht, wird in der Gruppe geachtet – sich mit Verlierern zu verbünden macht wieder verwundbar.

Die Angst kann unser Lebensretter sein, denn sie wurde erschaffen, um uns aufmerksamer zu machen, wenn eine Situation schwer einschätzbar oder bedrohlich wirkt. Hörte der Urmensch den Schrei eines Raubtieres, bekam er Angst und ging in Deckung. Heutzutage ist die Angst das, was unsere Gesellschaft aus dem Innersten auffrisst.

  • Angst, bloßgestellt zu werden
  • Angst, verletzlich zu wirken (und somit verletzt zu werden)
  • Angst vor Fremdem (das mich einmal bedrohen könnte)
  • Angst, etwas oder jemanden zu verlieren

Ich könnte hier ewig weiter machen. Im Grunde ist jeder dominante Mensch, jeder Macho, jeder Macher, jeder Gangster, jeder noch so coole Otto im Herzen ein Feigling. Einschüchterung ist nichts anderes als präventiv jemandem Angst einjagen, bevor dieser einem zuvorkommen kann.

Kindliche Neugier ist das, was uns einmal in die Wiege gelegt wurde, bevor es durch antrainierte Angst ersetzt wird. Und je mehr ich bemüht bin, diese in meinem Leben zuzulassen, desto verständnisvoller und aufgeweckter macht mich das.

Eine von mir abweichende Hautfarbe, eine fremde Sprache, ungewohnte Kleidung, eine mir nicht geläufiger sexuelle Orientierung oder Identität – das alles ist für mich nicht beängstigend, sondern spannend. Und so behandle ich meine Mitmenschen dann natürlich auch – fasziniert und interessiert. Und solange man mich nicht in eine Lage bringt, in der dann doch die fossile Angst wieder greift, bekomme ich das Feedback, eine sehr freundliche und umgängliche Person zu sein. Ihr solltet mal darüber nachdenken, ob euch Neugier und ein Lächeln nicht viel weiter bringen kann als das Zusammenschlagen eines Fremdländers, weil das die Gruppe immer so macht.
Womöglich ist eure neue Gruppe dann kleiner, aber das Gewissen muss dafür auch nicht betäubt werden.

Die Welt ist Vielfalt. Und diese einfach nur brennen sehen zu wollen ist doch nun wirklich – wie sag ich es? Peinlich? Beschränkt? Auf jeden Fall feige.

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